Basis Veranstaltung Politica
Clayborne Carson "Zeiten des Kampfes" Das Student NonviolentCommittee (SNCC) und das Erwachen des afro-afrikanischen Widerstands in den sechziger Jahren
Eine Veranstaltung der Basis Buchhandlung und der DJU (KV - München) in Zusammenarbeit mit dem Kultureferat der Stadt München Blackbox - im Gasteig Kulturzentrum - Rosenheimerstraße mit dem Autor und dem Übersetzer Lou Marin und Dr. Wolfgang Heuss (Moderation)
Carson, Clayborne: Zeiten des Kampfes. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) und das Erwachen des afro-amerikanischen Widerstands in den 60er Jahren. Übers. u. eingel. von Lou Marin. Nachwort von Heinrich W. Grosse. Nettersheim : Verl. Graswurzelrevolution, 200 ISBN 3-9806353-6-8 Das ist mehr als eine Organisationsgeschichte, und wer in sozialen Bewegungen aktiv war oder ist wird schnell feststellen, dass Clayborne Carsons minutiöse Darstellung der Entwicklung und Debatten des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC, wird "Snick" ausgesprochen) sehr viele typische Abläufe von Emanzipationsbewegungen beschreibt, typische Brüche und Krisen, Debatten über Stabilisierung und/oder Radikalisierung etwa. Zu rühmen ist zunächst sein Bemühen um Objektivität, keineswegs selbstverständlich für die "Bewegungsforschung", die ja meist von ehemals oder immer noch Beteiligten betrieben wird und so oft der Versuchung nachgibt, die eigene Fraktion "vor der Geschichte" schön-zu-schreiben, missliebige Tatsachen zu verschweigen und Gegenpositionen zur Karikatur entstellt oder gar nicht behandelt. Carson, immerhin Herausgeber der Schriften von Martin Luther King und selbst durch die Bürgerrechtsbewegung geprägt, ist den "etablierten" Bürgerrechtsorganisationen der 60er Jahre gegenüber in der Regel sehr kritisch und unterstützt die spontaneistischen und aktionsorientierten Gruppen, die ein "schwarzes" Selbstbewusstsein förderten und mit der bloßen Integration in die US-Gesellschaft und – Rechtsordnung nicht zufrieden waren.
Für alle Entwicklungsphasen des SNCC hat Carson (manchmal fast zu) detailgenau die Abläufe und Diskussionen rekonstruiert und dabei nicht nur Flugblätter, Protokolle und andere "graue" Literatur benutzt, sondern auch die späteren Erinnerungen und Kommentare der Akteure, ihre heutige Sicht, wie sie in Interviews ausgedrückt wird. Dadurch entsteht ein Werk, das auch Erinnerungspolitiken vorsichtig korrigiert, verschiedene Standpunkte zu ihrem Recht kommen lässt und ein vielschichtiges Bild bietet. Daß er seine eigene Position offen benennt ist dabei von Vorteil. Das Werk erscheint manchmal wie ein Erinnerungsbuch für die damaligen "Insider", das alles relevante verfügbare Material versammelt.-
Am Anfang war die Tat: Ähnlich wie früher Rosa Parks mit ihrer Weigerung, den Sitzplatz im Bus für einen Weißen freizumachen, den Kampf gegen die Segregation in den öffentlichen Verkehrsmitten der US-Südstaaten eröffnet hatte, fand das erste "Sit-in" 1960 in Greensboro, North Carolina statt. Vier schwarze Collegestudenten setzten sich an eine Woolworth-Theke, die nur für Weiße reserviert war, und weigerten sich, die Plätze zu verlassen. Diese wirkte zunächst auf andere schwarze Studenten des Colleges, dann durch die Medien als Initialzündung für zunehmende Aktionen gegen die Segregation in Imbissbuden und Restaurants überall im Süden. Zur Koordinierung der studentischen Proteste wurde 1960 das Koordinationskomitee gegründet, eine typische Bewegungsorganisation.
Es folgten die nicht minder spektakulären Freiheitsfahrten und die oft gefährliche Begleitung Schwarzer bei ihren Versuchen, sich in die örtlichen Wahllisten in den Südstaaten einzutragen.
Bei der Aufnahme des "Black Power"-Slogans durch große Teile der schwarzen Bewegung lässt Carson erkennen, dass er die Ablehnung der Parole durch King und andere Sprechern des explizit gewaltlosen Flügels für taktisch falsch hält und eher eine positive Aufnahme der Parole und ein Füllen mit nicht-gewalttätigen Inhalten für klüger hielt. Denn soziale Macht für die Afroamerikaner war notwendig, und es war kein Zufall, dass in einer bestimmten Situation dieser Slogan so begeistert aufgegriffen wurde. Auch dies trifft natürlich ein immer neues Problem sozialer Bewegungen: 1918/19 war, um nur ein Beispiel zu nennen, die Debatte bei den deutschen Anarchosysndikalisten, ob die "Diktatur des Proletariats" nicht so begriffen werden sollte, dass damit Machtentfaltung und Bestimmung der Entwicklung durch das Proletariat, nicht aber eine Parteidiktatur, gemeint sein konnte, der Begriff wurde nicht als notwendig mit Zentralismus und Gewalt assoziiert aufgefasst. Bekanntlich waren Rocker, Oerter, Ramus und viele andere scharf gegen diese Auffassung. Theoretische Konsequenz und Eindeutigkeit stehen gegen "Bewegungsopportunismus". Wer hat nicht schon die Führer und Agitatoren gesehen, die ihrem Publikum nach dem Munde reden, und auch je nach Publikum durchaus verschiedene Ausdrucksweisen und Ansichten bieten. Es ist ja schon katastrophal genug, wenn dann solche Geschäftsführer sozialer Bewegungen die Macht erreichen, Inhalte umzudefinieren. Bei scharfer Abgrenzung und polemischer Kritik droht andererseits die Gefahr, unnötige Spaltungen zu verursachen und durch Rechthaberei und Sektierertum zum Niedergang einer Bewegung beizutragen. Diese Probleme stellen sich immer wieder neu und können nicht abstrakt-allgemein entschieden werden.
Gegenkultur oder Kontrakultur
Die Aktionsformen und Diskussionen des SNCC waren stilbildend auch für Teile der deutschen Linken. Diese hatte zunächst die gewaltlosen Taktiken der Bürgerrechtsbewegung aufgegriffen (auch in den 50er und 60er Jahre sind Aktionsformen und deren Begründungen schon international als Botschaften weltweiter Protestbewegungen angenommen worden). Die Sit-ins sind dafür bekannte Beispiele, und war nicht auch die Rote-Punkt-Aktion in Hannover 1968 als die Straßenbahnen boykottiert und Fahrgemeinschaften gebildet wurden beeinflusst von den Busboykott-Kampagnen in Montgomery und anderen Orten der US-Südstaaten, die schon in den 50er Jahren stattgefunden hatten? Als dann die Themen Selbstverteidigung, bewaffneter Widerstand, Solidarität mit der "Dritten Welt" die Black-Power-Bewegung prägte, fand auch das ein breites Echo etwa in der Bundesrepublik. Ein Anfang der Guerilla ist hier zu suchen.
Auch theoretisch sind etwa die Schriften Herbert Marcuses gar nicht zu begreifen, wenn man sie nicht zu den Diskusssionen und Erfahrungen der Bewegungen in den USA in Beziehung setzt. Er hat häufig Geschehnisse, Reden, Prozesse vor Augen, die er intellektuell unterstützt und aus denen er theoretische Schlüsse zieht, manchmal sehr bewegungsnah (Angela Davis war seine Schülerin). Ähnliches ließe sich für viele andere TheoretikerInnen zeigen, Hannah Arendt wäre ein prominentes Beispiel. Ebenso sind Diskussionen über Widerstandsrecht, zivilen Ungehorsam usw. im akademischen Milieu ein Reflex auf die Aktionen der Bürgerrechtsbewegung, dann der Bewegung gegen den Vietnamkrieg (Verteidigungsreden und Gutachten vor Gericht sind oft Ausgangspunkte rechtsphilosophischer Diskurse gewesen).
Viele der für die neuen sozialen Bewegungen typischen Debatten über Emanzipation, Minderheitenrechte, Aktions- und Organisationsformen beginnen im SNCC. Die Debatten über Effektivität und Demokratie, Disziplin und Spontaneität, Macht und Provokation haben sich später noch häufig wiederholt wenn Bewegungen an ihre Grenzen kamen. Der Umgang mit Repression, herrschender Gewalt auf der Straße und in Gerichtssälen, mit Spitzeln und Provokateuren, die Fragen nach Abschottung und Offenheit, alles unvermeidbare Dauerthemen sozialer Bewegungen. Viele der sektiererischen Ausgrenzungen, subjektiven Radikalisierungen, erschlichenen Opferrollen ebenso. Der falsche Avantgardismus einer Identitätspolitik, die keine Diskussionen und Korrekturen mehr zulässt, die Spaltungen, das Führertum, die Gewalttätigkeit, die in die eigene Struktur zurückschlägt und selbstzerstörerisch wird nachdem die ursprüngliche Moral der Revolte zerstört ist. Die Erfahrung dass Emanzipationsbewegungen Züge dessen annehmen – und oft verschärft zeigen – was sie gerade bekämpfen wollten, kurz: der ganze elende Weg, dass noch die Feindbilder der Herrschenden positiv (und nicht ironisch!) angenommen und ausagiert werden, dass noch das Selbstbild aus der Perspektive des Gegners, also gerade nicht autonom, konstruiert ist (Peter Brückner hat das mehrfach thematisiert, Gerd Wartenberg nannte das: Von der Gegenkultur zur, manchmal kriminellen, Kontrakultur). Dies ist seitdem zu oft geschehen und bedroht immer neu jede Befreiungsbewegung. In diesem Sinne ist die Darstellung der Geschichte der afroamerikanischen Bewegung der 60er Jahre ein Lehrstück.
Johann Bauer
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