Veranstaltung und Diskussion
mit
Uki Goñi
Zu seinem Buch
Odessa
Die wahre Geschichte –
Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher
Uki Goñi nimmt die LeserInnen mit auf seine Suche nach dem wahren Kern der Odessalegende, jener fiktiven „Organisation ehemaliger SS-Angehöriger“, deren Machenschaften im Klassiker „Die Akte Odessa“ des britischen Thriller Autor Frederick Forsyth im Mittelpunkt stehen. Einem komplizierten Puzzlespiel gleich deckt der argentinische Journalist Goñi das real existierende gigantische Netzwerk auf, das Kriegsverbrecher und Massenmörder vor der Verfolgung von Europa nach Südamerika rettete. Von offizieller Seite wurde ihm die Recherche nach Dokumenten und Spuren der Nazifluchthilfe nicht leicht gemacht: Viele Akten aus den Geheimarchiven der argentinischen Einwanderungsbehörde wurden bereits 1955, kurz vor dem Sturz von Präsident Juan Domingo Perón, beseitigt. Eine weitere Säuberungsaktion fand 1996 statt. Dennoch gelingt es Goñi nachzuweisen, dass Perón "in so dreister Weise und in direkter Komplizenschaft mit den Kriegsverbrechern die größte Fluchtoperation in den Annalen der Verbrechensgeschichte aushecken konnte". Mit Hilfe von Peróns ausgetüfteltem System der Fluchthilfe wurden ab 1946 u.a. über 100 französische Kollaborateure mit falschen Papieren ausgestattet und nach Argentinien gebracht, ab 1947 erhielten kroatische Ustaschen Einreisepapiere und ab 1948 kamen die deutschsprachige Naziverbrecher in den Genuss der Fluchthilfe. Insgesamt gelangten mindestens 300 NS-Kriegsverbrecher und deren Kollaborateure über sogenannte Ratlines nach Argentinien. Die Liste der Geflüchteten liest sich wie das Who ist Who der meistgesuchten Nazikriegsverbrecher: Adolf Eichmann, Josef Mengele, der für die Massaker in den ardeatinischen Höhlen verantwortliche SS-Offizier, Erich Priebke, der Gestapochef von Lyon, Klaus Barbie, die Kommandanten von Sobibor und Treblinka, Franz Stangl und Gustav Wagner und der SS-Kommandant in polnischen Zwangsarbeiterlagern, Josef Schwammberger. Alles Männer, die maßgeblich für den Holocaust und die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich sind und die dank der Fluchthilfe ihrem sicheren Todesurteil durch alliierte Tribunale (zunächst) entkommen konnten.
Akribisch dokumentiert Uki Goñi, wie das komplexe System der Nazifluchthilfe funktionierte, wer daran beteiligt war und wie versucht wurde und wird, es zu vertuschen. Perón und seine Helfer wären allein nicht in der Lage gewesen, die Massenflucht der Kriegsverbrecher aus Europa zu organisieren. Hier kommt der zweite Fadenzieher der Nazifluchthilfe ins Spiel: Der Vatikan. Als Reaktion auf das Erscheinen der britischen Odessa-Ausgabe räumten Kirchenvertreter 2002 ein, dass zwar einzelne Bischöfe in die Nazihilfe verwickelt sein mögen, negierten aber die aktive Beteiligung der Institution Kirche und des Papstes Pius XII. Dem widersprechen die Recherchen im Buch auf augenfällige Weise. Der kleine linke Verlag Assoziation A hat hier ein längst überfälliges Werk zugänglich gemacht und ist auch mit einer guten Bewertung auf den Sachbuchlisten belohnt worden.
Freitag, 4. Mai 2007 in der Seidlvilla
Nikolaiplatz 1 b (München-Schwabing)
20 Uhr
im Gorbach Saal
Unkostenbeitrag (erm.5) 8 Euro
Eine Kooperation der Basis und der Veranstaltungsinitiative mirada distinta